2.4.3 Berechnung der Treibhausgaseinsparung bei Biotreibstoffen

4. Kapitel: Energiezukunft Erneuerbare Energie
Biogene Energieträger
[ US-$ ]
140
1996
[ US-$ ]
140
1998
2000
2002
2004
2006
2008
2010
2012
2014
[ Realer Lebensmittelpreisindex ]
120
160
100
Preisentwicklung der Erdölsorte Brent
80
Entwicklung FAO Lebensmittelpreisindex
140
60
120
40
100
20
1996
1998
2000
2002
2004
2006
2008
2010
2012
2014
1996
1998
2000
2002
2004
2006
2008
2010
2012
2014
Geographie und Ländliche Entwicklung
120
mitteln. Durch die Globalisierung des Agrarprodukte- und Lebensmittelhandels
werden zudem große Mengen an Rohstoffen sowie
100
Halbfertig- und Endprodukten über weite Strecken transportiert, bis80 sie beim
Konsumenten
landen.
Preisentwicklung
der Erdölsorte
Brent Der Anteil von Treibstoffkosten
am Lebensmittelpreis steigt stetig. Auch die generelle Verfügbarkeit60von Energie ist von zentraler Bedeutung, denn ohne Energie ist
keine Grundversorgung mit Lebensmitteln möglich. Die Abbildung 40macht die Abhängigkeit des FAO-Lebensmittelpreisindizes vom
20
Rohölpreis deutlich.
[ Realer Lebensmittelpreisindex ]
ABBILDUNG 162: Preisentwicklung von Erdöl im Verhältnis zur Entwicklung des Lebensmittelpreisindex - QUELLE: IEA, FAO
160
2.4.2 EU-Ziel:
10 % Erneuerbare im Verkehr
Entwicklung FAO Lebensmittelpreisindex
140
120
Die
EU-Mitgliedsstaaten haben laut Richtlinie zur Förderung
100
erneuerbarer
Energieträger RL 2009/28/EG bis 2020 einen
Mindestanteil von 10 % des Energieeinsatzes im Verkehrssek1996
1998
2000
2002
2004
2006
2008
2010
2012
2014
tor durch erneuerbare Energieträger zu substituieren (sektorales Ziel). Dazu können Biokraftstoffe 1. und 2. Generation, die
strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, sowie Strom aus erneuerbaren Quellen herangezogen werden. Die Kriterien, denen
Biokraftstoffe unterliegen, umfassen neben einem Mindestreduktionsziel an Treibhausgasemissionen auch Verbotszonen für
den Rohstoffanbau. Ökologisch wertvolle Gebiete oder Flächen
mit hohem Kohlenstoffbestand, wie Primärwald, Feuchtgebiete,
kontinuierlich bewaldete Flächen sowie Grünland mit großer biologischer Vielfalt, sind von einer Änderung der Bewirtschaftung
bzw. des Flächenstatus ausgeschlossen. Spezielle Biokraftstoffe, wie Biodiesel aus Altspeisefetten oder Bioethanol aus Stroh,
werden für die Zielerreichung mit einem höheren Faktor gewichtet. Damit soll ein Anreiz für besonders umweltfreundliche
Bioenergieträger und kaskadische Nutzungsformen geschaffen
werden. Erneuerbarer Strom, der in Schienen- und Straßenfahrzeugen zum Einsatz kommt, wird ebenfalls mit einem höheren
Faktor gerechnet.
2.4.3 Berechnung der Treibhausgaseinsparung bei Biotreibstoffen
!
Biotreibstoffe reduzieren in Österreich die Treibhausgas-Emissionen gegenüber der Verwendung von Diesel und Benzin um
zwischen 60 % und 70 %. Damit können bereits heute zukünftige Reduktionsziele für Biotreibstoffe von 60 % erreicht werden. Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, dass durch den Einsatz von Biotreibstoffen eine Treibhausgas-Reduktion von bis zu
90 % möglich ist. Dies kann z. B. durch neue Rohstoffe und erneuerbare Hilfsenergie erreicht werden.
Die Europäische Union gibt eine Methodik vor, wie die Treibhausgaseinsparungen von Biotreibstoffen gegenüber herkömmlichen
fossilen Treibstoffen berechnet werden. Laut Richtlinie muss die
Treibhausgas-Einsparung von Biotreibstoffen im Lebenszyklus
derzeit mindestens 35 % betragen und ab dem Jahr 2017 50 %.
Für Anlagen ab 2018 muss die Emissionseinsparung mindestens
bei 60 % liegen. Die dabei berücksichtigten Treibhausgase sind:
Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Um die
Auswirkungen dieser klimawirksamen Gase darstellen zu können, werden sie in sogenannte CO2-Äquivalente umgerechnet.
ABBILDUNG 163: Treibhausgas-Minderung im Lebenszyklus bei Ersatz von
Benzin bzw. Diesel - QUELLE: Joanneum Reseach
Neue Forschungsergebnisse des Joanneum Research zeigen eine
Reduktion an Treibhausgasen bei Bioethanol um 70 % und bei
Biodiesel um 60 %. Für die Berechnung werden die folgenden
Emissionen im Lebenszyklus von Biotreibstoffen summiert: Alle
Emissionen beim Anbau der Rohstoffe sowie die auf das gesamte
Jahr umgerechneten Emissionen aufgrund von Kohlenstoff-Bestandsänderungen (infolge von direkten Landnutzungsänderungen). Allfällige Effekte aus der indirekten Landnutzungsänderung
Weiter mit: „2.1.1 Klimawirksamkeit: Das CO2-Äquivalent“ K: 6, S: 199
6/199
101
4. Kapitel: Energiezukunft Erneuerbare Energie
Geographie und Ländliche Entwicklung
Biogene Energieträger
(iLUC) sind (noch) nicht Teil dieser Methode und werden daher nicht berücksichtigt. Eine einheitliche europäische Berechnungsmethode ist hierzu in Vorbereitung. Inkludiert sind die gesamten Emissionen, die bei der Verarbeitung (z. B. Bioethanolanlage etc.),
bei Transport und Vertrieb (von Rohstoffen und Endprodukt) sowie bei der Nutzung dieser Biotreibstoffe entstehen. Des Weiteren
werden auch die Emissionseinsparungen durch Abscheidung und Ersatz von Kohlendioxid berücksichtigt.
2.4.4 Wertvolle Nebenprodukte
Bei der Erzeugung von Biotreibstoffen fallen Nebenprodukte an,
vor allem Tierfutter. Bei der Ermittlung der Treibhausgas-Emissionen von Biotreibstoffen müssen daher auch die Emissionen
berücksichtigt werden, die durch Vermeidung von Futtermittelimporten eingespart werden. Im niederösterreichischen Pischelsdorf wird eine Bioethanolanlage betrieben, die mit den
Rohstoffen Weizen, Nassmais, Trockenmais, Roggen, Gerste und
Triticale handelt. Neu dazugekommen ist kürzlich Stärkeslurry,
der als Nebenprodukt in der 2013 in Betrieb genommenen Anlage zur Erzeugung von Stärke und Vital-Gluten anfällt. Die Bioethanol-Anlage hat eine Jahresproduktion bis zu 240.000 Kubikmeter bzw. 190.000 Tonnen Bioethanol; das entspricht jener
Menge, die für die Einführung von E10 (Treibstoff mit 10 % Ethanloanteil) notwendig wäre. Neben dem Biokraftstoff werden
als Nebenprodukte jährlich bis zu 191.000 Tonnen DDGS (Distillers Dried Grains with Solubles) als Tierfutter und bis zu 130.000
Tonnen Kohlensäure für die Lebensmittelindustrie produziert.
Im Jahr 2011 wurde Bioethanol in Pischelsdorf zu 45 % aus
Weizen und zu 55 % aus Mais erzeugt. Aktuelle Analysen des
Joanneum Research im Auftrag der Agrana haben gezeigt, dass
die Treibhausgas-Emissionen im Lebenszyklus von Bioethanol
um etwa 70 % geringer sind als jene von Benzin. Durch Optimierungsmaßnahmen im Anlagenbetrieb und die Erzeugung von
Kohlensäure für die Lebensmittelindustrie in der Bioethanolanlage konnten diese Treibhausgas-Einsparungen in den vergan-
ABBILDUNG 164: Bioethanol-Produktinsanlage Pischelsdorf, 1) maximal zwei
Monate während der Erntezeit, 2) Nebenprodukt aus der Stärkeerzeugung
bei der neben Stärke auch Klee und Gluten erzeugt werden, 3) Distiller´s Dried
Grains with Solubles (Trockenschlempe, feste Nebenprodukte der Destillation)
QUELLE: Österreichischer Biomasse-Verband - BILD: Agrana
genen Jahren von rund 50 % auf etwa 70 % erhöht werden. In
Österreich wird auch Biodiesel erzeugt, wobei im Jahr 2010 etwa
70 % frische Pflanzenöle, 10 % Tierfett und 20 % Altspeiseöl als
Rohstoffe eingesetzt wurden. Die zwei bedeutendsten Anteile an den Treibhausgas-Emissionen heimischer Biotreibstoffe
stammen aus der landwirtschaftlichen Produktion der Rohstoffe
sowie aus der Verarbeitung. Bei fossilem Benzin und Diesel stellt
die Nutzung im Fahrzeug den wesentlichen Beitrag dar.
2.4.5 Rohstoffe aus eigener Produktion und aus der Nachbarschaft
2012 gab es in Österreich 14 Biodiesel-Produktionsanlagen mit
einer jährlichen Produktionskapazität von rund 650.000 Tonnen. Der Biodieselbedarf infolge der Beimischungsverpflichtung
könnte damit aus heimischer Produktion gedeckt werden. Bei
Pflanzenölen zur Biodieselproduktion ist Österreich auf Rohstoffimporte von den Nachbarn im EU-Binnenmarkt, speziell aus
Mittel- und Osteuropa, angewiesen. Die regionalen Versorgungskonzepte beschränken sich auf einen Einzugsradius von
rund 800 Kilometern um den Produktionsstandort. Die für den
Kauf der Rohstoffe erforderlichen Mittel fließen nicht wie beim
Import von Erdöl in teilweise instabile Staatssysteme im Nahen
Osten oder Afrika, sondern helfen EU-Mitgliedsstaaten, ihre
Wertschöpfung zu steigern und das Produktionspotenzial in der
Landwirtschaft weiterzuentwickeln. Von dort können größere
Mengen an Rohstoffen bei kurzen Transportdistanzen via Bahn
und Schiff nachhaltig bereitgestellt werden. Ein Drittel der zur
Biodiesel-Erzeugung erforderlichen Ressourcen stammt aus Altspeiseöl, Tierfetten und Reststoffen. In Österreich werden aus
11
102
ökologischen, ökonomischen und technischen Gründen faktisch
keine Rohstoffe aus Übersee, insbesondere kein Palmöl, zur Produktion von Biodiesel verwendet.
Ein entscheidender Faktor für die Klimabilanz von Biokraftstoffen ist die Frage der Landnutzungsänderung. Wenn z. B.
eigens für den Anbau von Biomasse Urwaldflächen gerodet
oder Moore trockengelegt werden, ist die CO2-Bilanz zwangsläufig über Jahrzehnte negativ. In Nordamerika wird Biodiesel hauptsächlich aus Soja gewonnen, in Südostasien ist Palmöl der Hauptrohstoff für die Biotreibstoffproduktion auf
Pflanzenölbasis. Palmöl wird aus dem Fruchtfleisch der Ölpalme gewonnen und eignet sich zur Herstellung von Biotreibstoffen, allerdings werden nur 5 % des weltweit erzeugten
Palmöls zu diesem Zweck verwendet. Palmöl spielt auf dem europäischen Biokraftstoffmarkt keine Rolle: Bei niedrigen Temperaturen wird Biodiesel aus Palmöl fest und scheidet somit als
Kraftstoff in Mittel- und Nordeuropa aus.
EXKURS 11: Tanktourismus: Gut für die Finanz, schlecht für die Treibhausgasbilanz