Metropole mit Gemütsschwankungen

POWERFRAUEN
lia
M aiello
Metropole mit Gemütsschwankungen
NEW YORK. Viele der achteinhalb Millionen Einwohner New Yorks
entwickeln, je nach Anzahl der dort verbrachten Lebensjahre, eine
Hassliebe zur unsteten Metropole. Mal aufgedonnerte, kapriziöse
Geliebte, mal Herr im Nadelstreifenanzug, mal brütende Hitze, mal
orkanartiger Wirbelsturm, heiß und kalt, schwarz und weiß, mit sehr
wenigen Grautönen. Das ist New York.
Keine andere - westliche - Metropole vermittelt
eine derartige Lust am Leben, bei gleichzeitigem
Risiko. Ein Risiko, das jeder selbst auf sich nimmt
und mit sich selbst verhandeln muss, immer aufs
Neue, denn Sicherheiten oder Konstanten gibt es
wenige. Eine Stadt der Spieler, der Risikobesessenen, der Sich-stetig-Verändernden, der globalen
Trendsetter und derjenigen, die glauben, dass
„Bigger“ auch „Better“ ist. Und immer häufiger
auch der Milliardäre, denn die Lebenshaltungskosten in New York City steigen stetig und locken
heimisches aber auch internationales, oftmals
entbehrliches, Kapital.
Im Augenblick leben 53 der reichsten US-Amerikaner in New York City, mit einem durchschnittlichen Reinvermögen von 5,27 Milliarden Euro. Prominente Namen wie der ehemalige Bürgermeister
Michael Bloomberg, Medien Mogul Rupert Murdoch und Hotelier Donald Trump zählen zur Gruppe der reich begüterten New Yorker. Während
seiner Amtszeit implementierte Bloomberg eine
Reihe von Gesetzen, die es der internationalen Klientel der Superreichen erleichterte, in New York
City´s heiß umkämpftem und selbstredend prestigeträchtigen Immobilienmarkt Fuß zu fassen. Wie
kein Zweiter repräsentiert er die „Hypergentrifizierung“, die New York City in den letzten zehn bis
fünfzehn Jahren heimgesucht hat.
Mittels strategisch geplanter Bauordnungsbestimmungsänderungen en masse, Enteignungen, und
Milliarden in Steuervergünstigungen für heimische und internationale Großkonzerne kreierte er
eine Spielwiese für globale Finanzinteressen, die
New York City an die Spitze der Weltmetropolen
torpedieren soll. Auf vielen Ebenen. Bloomberg
träumte von einer sicheren, wohlhabenden und
gebildeten Metropole, führend in Immobilienpreisen, Mode, Investionen, Wissenschaft und
Gesundheit. Und das, was sich der gute Mann so
unter Kultur vorstellt. Und das ist leider nicht viel
mehr als die mittlerweile recht kostspieligen und
massenkompatiblen Broadway Musical, die pres-
tigeträchtige und ebenfalls kostspielige Metropolitan Opera, Taylor Swift im Madison Square Garden und eine Reihe von exklusiven Kunstgalerien,
in denen ein Damien Hirst für viele eine weitere
Investitionsmöglichkeit darstellt, nicht aber künstlerische Inspiration verspricht.
1998 beispielsweise sah ich das Rockmusical „Hedwig and The Angry Inch“, für 15 Euro in einem der
vielen Off-Off-Broadway Theater. Diese berühmten, kleinen, meistens etwas muffig riechenden
Theater, waren weit entfernt vom kommerziellen
Browadway und stolz darauf der künstlerischen
Freiheit keine Grenzen zu setzen. Im Augenblick
feiert Hedwig am Broadway Erfolge und eine Eintrittskarte, die dem Zuschauer eine ausreichend
gute Sicht ermöglicht, kostet ungefähr 280 Euro.
Wie alles im Leben, so haben auch diese neuen
Entwicklungen New Yorks ihre zwei Seiten und
wie sich New Yorker dabei fühlen, hängt überwiegend davon ab, wo sie sich auf der Karriere-, Einkommens-, und damit Sozialleiter befinden.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges stellten Handwerker, Arbeiter und Meister ungefähr 41 Prozent der New Yorker Erwerbsbevölkerung. Heute
können sich die sogenannten „Blue Collar“ (Blaue
Krägen), oftmals Einwanderer sowohl legal als
auch illegal, die Mieten in Manhattan schon lange
nicht mehr leisten. Sie ziehen vermehrt in die entlegeneren Stadtteile wie Queens, Brooklyn oder
sogar in den Nachbarbundesstaat New Jersey.
POWERFRAUEN FOTOGRAFIN DES MONATS
Man nennt sie die „Schlafzimmer-Gemeinden“,
da die Anfahrtswege nach Manhattan meistens so
lang sind, dass sich ihre Einwohner nach langen
Arbeitstagen in ihren Stadtteilen lediglich zum
Schlafen legen, am Leben im Kiez aber nicht unbedingt teilnehmen können.
Eine vierköpfige Familie kommt in Manhattan mit
einem Jahreseinkommen von ungefähr 90.000
Euro so gerade über die Runden und den Großteil
dieser Summe wird diese Familie in die Miete investieren müssen. Die Durchschnittsmiete für eine
Zweizimmerwohnung in Manhattan betrug im
November 2014, 5300 Euro im Monat. Demgemäß
hat sich auch die Sozialstruktur der Einwohnerschaft in Manhattan dramatisch verändert. Statt
Blue Collar nunmehr White Collar. Die Anwälte,
Investmentbanker oder Erben können die Kosten
tragen und nicht nur das, sie sind auf die Blue Collars angewiesen, denn die sind hauptsächlich in
der Serviceindustrie beschäftigt.
Um das noch einmal in Relation zu setzen: Ein Investmentbanker in Manhattan verdiente 2006 ungefähr 700.000 Euro im Jahr. Diese Zahlen dürfte
sich mittlerweile, trotz Finanzkrise und daraus resultierender, kurzzeitiger moralischer Bedenken an
der Wall Street nach oben hin korrigiert haben.
Sichtbar sind diese dramatischen Veränderungen
natürlich auch. Einst eine Oase der Familienunternehmen, Tante-Emma-Läden und Nachbarschaftskneipen sind diese mittlerweile weitestegehend amerikanischen und internationalen Ketten
gewichen. Allerorts entstehen gigantische Wohntürme mit selbstredend gigantischen Mietpreisen.
Mit dem Verschwinden dieser organisch gewachsenen und oftmals auch durch die verschiedenen
Einwanderergruppen stark kulturell geprägten
Stadtteile geht nicht nur das Lokalkolorit, sondern
auch das authentische und weltweit beliebte New
York Flair des Gesamtbildes der Stadt verloren. Es
weicht einer austauschbaren, faden Globalästhetik, die schon bald sowohl in New York als auch in
London oder Dubai zu finden sein wird.
Natürlich wäre es vollkommen untypisch für einen
New Yorker, einen Artikel wie diesen mit einer derart betrüblichen Sicht auf die Dinge zu beschließen. Denn wie eingangs bereits erwähnt, die Stadt
J acqueline
der Sich-stetig-Verändernden hält, trotz massiver
Anforderungen finanzieller und mentaler Natur,
auch immer gleichzeitig neue Möglichkeiten und
Lösungen für diejenigen bereit, die verrückt genug
sind zu bleiben und auszuprobieren.
Unsere Autorin Lia Petridis Maiello lebt seit nunmehr zehn Jahren im Großraum New York, denn
auch die meisten Journalisten können sich Manhattan nicht mehr unbedingt leisten, und arbeitet
im Augenblick als freie Journalistin und TV Produzentin.
K irsch
„Neues altes Fotogefühl“
LAUPHEIM. Fotografie ist Kunst. Sicher, einfach auf den
Auslöser drücken, das kann jeder. Doch ein gewisses
Gespür für das richtige Motiv muss man schon mitbringen. Unsere Fotografin des Monats, Petra Gertitschke aus
Laupheim, hat zweifelsohne ein Gespür für das Schöne
und Besondere.
Gepackt hat sie das Foto-Fieber bereits im Jahr 2002, mit dem Kauf einer
digitalen Kompaktkamera. Schnell wurde diese durch eine Spiegelreflexkamera ersetzt, mit der die Hobbyfotografin die unterschiedlichsten Motive
einfängt und diese auch gerne am Rechner bearbeitet. Dabei legt sie sich
ungern fest, was sie am liebsten vor der Linse hat, besonders gern geht sie
jedoch mit ihrem Makroobjektiv oder mit sogenannten „Altgläsern“ auf
Fotopirsch. Altgläser sind alte Objektive aus frühen analogen Zeiten, die
mittels Adapter an einer modernen DSLR-Kamera benutzt werden können.
„Diese alten Objektive vermitteln ein ‚neues altes‘ Fotogefühl und produzieren Bilder mit besonderem Reiz“, so die gebürtige Niedersachsenerin.
Ein gutes Foto sollte ihrer Meinung nach eine Emotion auslösen, zum Beispiel Freude, Nachdenklichkeit oder Fernweh. In Laupheim ist sie seit vielen
Jahren wohnhaft und auch aktives Mitglied im Fotokreis ( www.laupheimer-fotokreis.de). Für Petra Gertitschke steht immer das Vergnügen beziehungsweise der entspannte Umgang mit der Kamera im Vordergrund. „Und
wenn gelegentlich mal ein richtig gutes Foto dabei ist, freut’s mich um so
mehr“, so die Powerfrau am Auslöser.
Petra Gertitschkes eindrucksvolle Bilder finden Sie in unserer Online-Galerie auf www.blix.info.
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POWERFRAUEN BERLINALE
adrian
kutter
Berlinale der starken Frauen
BERLIN. Ungewöhnlich viele Filme mit Frauen vor oder hinter der Kamera
zeichneten die diesjährigen 65. Internationalen Berliner Filmfestspiele
(5. bis 15. Februar 2015) aus. Um es zahlenmäßig genau zu sagen:
Bei 19 Filmen in Konkurrenz des Wettbewerbes führten vier Frauen
Regie und in acht Filmen waren außergewöhnliche Frauengestalten im
Mittelpunkt des Geschehens. Das gab es noch nie, wenn ich auf meine
Berlinale-Besuche bis in die 1970er Jahre zurückblicke.
Der Wettbewerb der Berliner Filmfestspiele wurde
am 5. Februar mit der spanisch/französischen
Co-Produktion „Nobody wants the night“ eröffnet. Regie führt die Spaniern Isabel Coixet, keine
Unbekannte in Berlin, zumal sie schon mit mehreren Filmen hier vertreten war und 2009 sogar
Mitglied der Bären-Jury sein durfte.
Man schreibt das Jahr 1908. Josephine, die selbstbewusste, etwas naive Ehefrau des berühmten
Arktis-Forschers Peary, startet gegen alle
Warnungen eine gefährliche Expedition. Sie will
der Polarlandschaft und die Polarstürme wirken gewaltig, aber alles lässt den Beschauer
doch im wahrsten Sinne des Wortes kalt. Meiner
Meinung nach versagte hier ein wenig glaubhaftes Drehbuch und Juliette Binoche war für
diese Rolle mehr eine Fehlbesetzung.
„45 Jahre“ ist der Titel eines britischen Films
von Regisseur Andrew Haigh mit Charlotte
Rampling und Tom Courtenay in den Hauptrollen
als Ehepaar. Kate steckt in den Vorbereitungen zu
Nadie quiere la noche/Nobody Wants the Night, mit Juliette Binoche, © Leandro Betancor
ihren Mann treffen, der eine Route zum Nordpol
sucht. Unter großen menschlichen Verlusten
gelingt es ihrer Expedition bis zu Pearys Basislager
vorzudringen, wo sie zur Überwinterung gezwungen wird. Das hört sich sehr spannend an und
mit einer Hauptdarstellerin wie Juliette Binoche
sollte man meinen, dass dies zu einem Frauenfilm
der besonderen Güte gereicht hätte. Aber auf
seltsame Weise nimmt man „La Binoche“ die
Verkörperung dieser Frau nicht ab. Weder die
Strapazen zeichnen sich glaubhaft auf ihrem
Gesicht ab, noch versteht man ihren Zwang, „nur
aus Liebe“ zu ihrem Mann alle Opfer auf sich
zu nehmen. Einen Mann, den sie in den Jahren
ihrer Ehe nur wenige Male zu sehen bekam, da er
immer auf Reisen unterwegs war.
Die Kamera zauberte zwar grandiose Bilder
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ihrem 45. Hochzeitstag, der mit vielen Freunden
im Gemeindesaal gefeiert werden soll. Gleichzeitig
wird ihr Mann Geoff mit einer überraschenden
Nachricht in seine Jugend zurück versetzt. Vor 50
Jahren verunglückte seine damalige Freundin bei
einer gemeinsamen Wanderung in den Schweizer
Alpen tödlich. Jetzt erst ist ihr Leichnam gefunden worden, eingefroren im Eis. Kate und Geoff
scheinen geschockt. Er zieht sich immer mehr in
seine Vergangenheit zurück, während Kate ihre
aufkommende Angst und Eifersucht zu unterdrücken versucht. Auf ihre Fragen, warum er über
dieses Ereignis mit ihr nie gesprochen hat, weicht
er aus. Dann findet sie Bilder und Briefe in seinen
Unterlagen. Sicher, das war vor ihrer Zeit, aber
war sie vielleicht doch nur der Ersatz für seine
verlorene große Jugendliebe gewesen?
Das mit hervorragenden Dialogen ausgestattete
Drehbuch schildert den Film weitgehend aus der
Wahrnehmungsperspektive von Kate.
Charlotte Rampling und Tom Courtenay erhielten
beide verdientermaßen „Silberne Bären“ als beste
Darsteller dieser Berlinale. Doch muss man uneingeschränkt zugeben, dass Charlotte Rampling in
erster Linie diesen sensiblen Frauenfilm trägt.
„Journal d’une femme de chambre“. Octave
Mirbeaus Roman-Klassiker „Tagebuch einer
Kammerzofe” jetzt in seiner dritten Verfilmung.
Der große französische Regisseur Jean Renoir
wagte sich 1946 erstmals an den Stoff, dem
der nicht weniger berühmte Luis Bunuel 1964
folgen sollte. Da muss man sich schon die Frage
stellen, warum nach zwei nachweislich in die
Filmgeschichte eingegangenen Verfilmungen der
Franzose Benoit Jacquot noch eine dritte draufsetzen musste. Inhaltlich bleibt der spöttische
Blick auf die dekadente Bourgeoisie und die
Reflexion der Macht der scheinbar Machtlosen
und die Ohnmacht der vermeintlich Mächtigen. In
der Besetzung der Hauptrolle durch die Französin
Léa Seydoux setzt Jacquot aber einen wichtigen
neuen Akzent: Die Kammerzofe Celestine ist
sich sehr wohl bewusst, dass sie nicht nur als
Servicekraft zur Welt gekommen ist. Sie weiß
zu jeder Zeit ihre Beschäftigungsverhältnisse zu
ihrer Bedingung auszuschöpfen und auch zu
beenden. Léa Seydoux Gesicht strahlt dieses
Selbstbewusstsein auf überzeugende Weise aus.
„Body“. Malgorzata Szumowska wurde 1973 in
Krakau geboren und ist Absolventin der legendären polnischen Filmhochschule in Lodz. Ihre außergewöhnlichen Filme brachten ihr Einladungen auf
internationale Filmfestivals. Mit „Body“ legt sie
nun ein Werk vor, das in seinem künstlerischen
Reichtum und seiner Experimentierfreudigkeit
der großen Tradition des polnischen Kinos gerecht
wird. Die Protagonistin der Geschichte ist die
magersüchtige Olga, die noch immer ihrer verstorbenen Mutter nachtrauert. Damit ist der
Untersuchungsrichter Janusz, den so leicht nichts
erschüttern kann, hilflos überfordert. Aus Sorge,
seine Tochter könne sich umbringen, lässt er sie
in eine Klinik einweisen, in der die Psychologin
Anna ihren Dienst versieht. Diese hat vor Jahren
ihr Baby durch plötzlichen Kindstod verloren und
beschwört Geister, die aus dem Jenseits zu den
Lebenden sprechen…
Mit Elementen der schwarzen Komödie erzählt
Szumowskas Film von den Schwierigkeiten, den
Verlust geliebter Menschen zu verarbeiten. Die
beiden Frauen in den tragenden Rollen sind fesselnd überzeugend in ihrer Darstellungskunst.
„Ixcanul“. Der Debütfilm von Regisseur Jayro
Bustamente ist der erste Film überhaupt, welcher in Guatemala gedreht wurde. Bustamente
wuchs in Guatemala auf und kehrte nach
 Fortsetzung auf Seite 72
POWERFRAUEN BERLINALE
B ü R G E R S T ü B L E
R E I C H E N B AC H
Mit Leidenschaft und Freude
REICHENBACH. Das Bürgerstüble in Reichenbach wächst und gedeiht
seit Jahren mit Frauenpower! Die Wirtin Sabine Rapp und ihr Mann
Thomas haben im Sommer 2012 als langjährige Mitarbeiter von Caroline
Egersdörfer das Bürgerstüble übernommen.
Sabine Rapp (Foto) hat vor 28 Jahren im
Schwarzwald eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert. Seit dieser Zeit war für sie klar,
dass der Schwerpunkt der Gastronomie für
sie im Service liegt. Deshalb nutzt sie beim
Umgang mit ihren Gästen all ihre Erfahrung
und Freundlichkeit.
Aber was wäre eine Powerfrau ohne einen
„Powerpartner“? Ihr Mann Thomas, gelernter Koch und Chef für‘s gute Essen, leitet
schon seit über zehn Jahren die Küche im
Bürgerstüble und verleiht seither der gemütlichen Gaststätte ihren kulinarischen Ruf.
www.bürgerstüble-reichenbach.de
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POWERFRAUEN BERLINALE
seiner filmischen Ausbildung dorthin zurück. Er
veranstaltete Workshops, ließ sich Geschichten
aus ihrem Leben erzählen und schaute sich
die heutigen Lebensbedingungen der Maya
aus nächster Nähe an. Dabei lernte er auch
den besonderen Umgang der Frauen mit den
Ritualen ihrer Mütter kennen, verwurzelt in den
uralten Traditionen der Mayas.
So wirkt der daraus entstandene Spielfilm, ausschließlich mit Laien besetzt, nahezu dokumentarisch echt. Maria, eine 17-jährige Maya-Frau, lebt
mit ihren Eltern auf einer Kaffeeplantage am Fuße
eines Vulkans. Sie soll mit dem Vorarbeiter der
Farm verheiratet werden. Doch das Mädchen sehnt
sich danach, die Welt jenseits des Vulkan-Berges
kennenzulernen, von der sie keine Vorstellung hat.
Deshalb verführt sie einen Kaffeepflücker, der in
die USA fliehen möchte. Dieser lässt sie schwanger zurück und Maria wird ihre eigene Welt und
vor allem die Kultur der Mayas noch einmal neu
entdecken müssen.
Als Maria zu einer Notgeburt in die Klinik kommt,
wird ihr Kind für tot erklärt. In Wirklichkeit unterzeichnet die Mutter, wie auch Maria nur der Mayaund nicht der spanischen Sprache mächtig, unwissentlich ein Dokument zur Freigabe des Kindes
zur Adoption. Eine berührende Geschichte, von
zwei starken Frauen ohne Schauspielausbildung
glaubhaft in Szene gebracht. Der verdiente Lohn
waren stehende Ovationen des Publikums, als die
beiden nach der Vorführung des Films auf der
Bühne standen.
„Queen of the Desert“. Dies ist die wahre
Geschichte der 1868 geborenen Engländerin
Gertrude Bell, die als Historikerin, Schriftstellerin
und Angehörige des britischen Geheimdienstes
entscheidend an der Weichenstellung für die
politische Neuordnung des Nahen Ostens um
1920 beteiligt war. Als gebildete junge Frau unternimmt sie eine Reise nach Teheran. Nach einer
tragischen Liebe zum Diplomaten Henry Cadogan
an der dortigen britischen Botschaft, entschließt
sie sich als Forschungsreisende die Region zu
erkunden, gegen die Ratschläge englischer
Diplomaten und Militärs und den Hinweisen, dass
diese Expeditionen selbst Männer nicht wagen
würden. Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Osmanischen Reiches lernt sie die
verschiedenen Sprachen, begegnet muslimischen
Würdenträgern und gewinnt mit Mut und Respekt
deren Vertrauen. Prädestiniert als Vermittlerin
zwischen dem Orient und dem British Empire aufzutreten, ist sie nach dem ersten Weltkrieg an den
Grenzverhandlungen in der Region beteiligt.
Es war die große Überraschung der diesjährigen
Berlinale: Werner Herzog, einer der berühmtesten
Autorenfilmer der deutschen Kinogeschichte der
1970er und 1980er Jahre und manifestierter Autor
von Männergeschichten, verfilmt die Geschichte
einer berühmten Frau der Weltgeschichte. Und
dann auch noch eine tragische Liebesgeschichte.
Schon war sich die Presse einig: Schmonzette war
ein liebevolles Attribut in den Filmkritiken. Aber:
Nicole Kidman ist eine hinreißende Besetzung der
Gertrude Bell, deren Auftritt in der Männerwelt
sie bravourös schauspielerisch umzusetzen vermag. Dazu grandiose Bilder des Orients und der
Wüsten und ein sehr eingängiger Music-Score.
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gezeigt bekommen“, war die Devise von Regisseur
Sebastian Schipper und „eine Geschichte verfilmen, die vollkommen autark ist, ob ich zugucke
oder nicht“. Als Erzählmittel hat er den sagenumwobenen „One Take“ gewählt, den in einer
Einstellung gedrehten Film. Dies erforderte die
präzise Vorbereitung der einzelnen Szenen und
ihrer Handlungsorte, das nahezu freie Spiel auch
der Dialoge durch die Schauspieler bei vorgegebenem Drehbuch und vor allem eine gigantische
sportive Leistung des Kameramannes, der ohne
Pause und ohne „Cut“ den 140 Minuten langen
Film teilweise im Sprint drehen musste.
Die Leistung von Kameramann Sturla Brandth
Grovlen wurde mit dem „Silbernen Bären“
belohnt und Sebastian Schipper erhielt für seinen
einzigartigen filmischen Kraftakt den Preis der
Leserjury der Berliner Morgenpost und den Preis
der Jury der „Gilde deutscher Filmkunsttheater“
für den besten Film im Wettbewerb.
Queen of the Desert, USA 2015, Regie: Werner
Herzog, mit Nicole Kidman, © 2013 QOTD Film
Investment Ltd. All Rights Reserved
„Virgine Giurata“. Auch die 37-jährige
Italienerin Laura Bispuri schaffte es mit ihrem
Debütspielfilm in den Wettbewerb der Berlinale.
Das Waisenmädchen Hana wächst bei bettelarmen Menschen in den nordalbanischen Bergen
auf, in einer unwirklichen, verschneiten Gegend,
in der noch der Kamun gilt, ein uraltes patriarchalisches Rechtssystem. Die Frau ist ein Sack,
der zum Tragen bestimmt ist, heißt es darin. In der
Tat schleppen die Frauen aus dem Dorf schwere
Lasten und Hana wird beinahe gelyncht, als sie
Männerdinge tut. Bis sie selber zum Mann wird,
im Kreis der Männer ewige Jungfrauenschaft
schwört und sich das Haar abschneiden lässt.
Das immerhin erlaubt der Kanun. Hana heißt
jetzt Mark. Zehn Jahre später und nach dem Tod
der Eltern verlässt er/sie das Dorf und reist zur
Schwester Lila, die sich dem Kanun ebenfalls nicht
gebeugt hat und mit Mann und Tochter in Mailand
lebt. Hana entdeckt nun ihre Geschlechtlichkeit
neu und muss mit der schonungslosen Offenheit
einer modernen Konsumwelt fertig werden.
Großartig in Mimik und sparsamer Sprache ist
Alba Rohrwacher als Hana in diesem spannenden
Film, der den Zuschauer auch in ein Wechselbad
der Gefühle führt.
„Victoria“. Seit drei Monaten ist die junge
Spanierin Victoria aus Madrid in Berlin und
jobbt dort in einem Café. Nach selbstverlorenem
Abtanzen in einem Szene-Lokal trifft sie die vier
Berliner Jungs mit den Kumpel-Namen Boxer,
Blinker, Sonne und Fuß. Man kommt ins Gespräch,
Sonne und Victoria interessieren sich füreinander
und wollen sich von der Gruppe absetzen. Ihr Flirt
wird jedoch von den anderen unterbrochen, denn
für die Kumpels ist die Nacht noch nicht zu Ende.
Um eine alte Schuld zu begleichen, müssen sie
ein krummes Ding durchziehen und ausgerechnet
Victoria soll die Rolle der Fahrerin spielen. Doch
aus dem scheinbaren Spiel wird tödlicher Ernst
und Victoria kann sich glücklich schätzen, unerkannt in den Berliner Morgennebel zu tauchen.
„Wahr, wirklich, hautnah miterleben, nicht nur
Mein Streifzug durch die acht Filme von und
mit starken Frauen im Wettbewerb der Berliner
Filmfestspiele 2015 soll noch mit einer kurzen
Reminiszenz auf einen Film „außer Konkurrenz“
im Wettbewerb enden. Kenneth Branagh, als
Darsteller der „Royal Shakespeare Company“,
und Regisseur großer Shakespeare-Verfilmungen,
hat sich mit der Märchenverfilmung von
„Cinderella“ selbst übertroffen. Im 2000-PlatzBerlinale-Palast gab es stehende Ovationen für
diesen wunderschönen Film, der dem legendären
Disney-Zeichentrickfilm an Spiel, Ausstattung,
Wortwitz und Einfallsreichtum in jeder Weise,
aber auf neue Art, ebenbürtig ist. Dies vor allem
auch dank zweier „starker Frauen“ und großer Darstellerinnen: Cate Blanchett als böse
Stiefmutter und Lily James als „Cinderella“ mit
dem guten Herzen und dem Lebensmotto „sei
immer mutig und aufrichtig“.
Cinderella, USA/GBR 2014, Regie: Kenneth Branagh; mit Lily James; Jonathan Olley © Disney
Enterprises
POWERFRAUEN
R oland
R eck
„Niemals geht man so ganz“
Es war ein „volles Leben“. So voll, wie ein Leben mit 20 Jahren sein
kann. Unvollendet bleibt es für die Familie und Freunde. Denn wie
Simone selbst freuten sie sich auf das Leben, das noch kommt, gemeinsam mit Simone. Diese Freude starb am 25. Dezember 2014. Simone ist
tot. Eine Erinnerung.
Auf dich wartet das „volle Leben“, machte
Schwester Marilen der 19-Jährigen Mut. Die
Franziskanerin im Kloster Sießen begleitete Simone bei ihren Vorbereitungen, als „Missionarin
auf Zeit“ nach Brasilien zu gehen. Ein Jahr lang
wollte die junge Frau auf einer „Fazenda da Esperanca“ (Hof der Hoffnung) mit drogenabhän-
und die krasse soziale Ungerechtigkeit zwischen
reich und arm in Brasilien erlebt. Simone Siewert
kommt aus Herbertingen und ist Fachangestellte
für Bäderbetriebe, doch statt Badeaufsicht und
Saunabetreuung will sie die Welt entdecken.
Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sie nach
Ende der Ausbildung ihren „Traum vom Ausland“
Simone Siewert auf Reisen in Brasilien. Sie sparte bereits auf ihre nächste.
gigen Frauen leben. Sie sollte den aus dem Leben
gefallenen Frauen durch ihr Mitleben, Mitarbeiten und Mitbeten ein Stück Hoffnung auf ein
normales Leben ohne Drogen, Prostitution und
Gewalt geben. Dazu wohnte sie mit mehreren
Frauen in einem Zimmer und teilte sich das Bad
und die Toilette mit ihnen. Es war ein Leben
ohne Privatsphäre, ohne Internet und Facebook
und Fernsehen nur am Wochenende. Ein „kalter
Entzug“, eine große Aufgabe für eine Neunzehnjährige. Deshalb berichtete BLIX im April 2013
über Simones Pläne, ihre Mission auf Zeit und
setzte dies im Juni letzten Jahres mit einem Bericht über ihr Leben in Brasilien fort.
„Wo ist Gott?“, war der Artikel überschrieben.
Diese Frage drängt sich Simone auf, nachdem
sie von den Schicksalen der Frauen erfahren hat
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verwirklicht. Nicht einfach so, sondern mit einer
sinnvollen Aufgabe. Dazu lernte sie Portugiesisch und verabschiedete sich von ihrer Familie
und Freunden. Simone war eine Suchende.
„Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie
mich führen zu deinem heiligen Berg und zu
deiner heiligen Wohnung.“ (Psalm 43:3) Simone hatte das strikte elterliche Verbot, bis sie
achtzehn ist: keine Tattoos und kein Piercing!
Sie hielt sich daran bis zu ihrem 18. Geburtstag,
dann ließ sie sich piercen und vor ihrer Ausreise nach Brasilien, ließ sie sich den Psalm 43:3 in
portugiesischer Sprache über der Hüfte eintätowieren. Simone sagte von sich, dass sie nicht im
strengen Sinne religiös sei und ganz sicher war
sie sich, dass sie trotz der „Missionarin auf Zeit“
nicht Nonne werden wolle. Sie war Suchende
und die Franziskanerinnen wollten nicht mehr
„als eine Tür aufmachen“, wie Schwester Marilen
sagte.
„Mein Jahr in Brasilien war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe“, schreibt sie
nach ihrer Rückkehr in ihrem Abschlussbericht.
Nicht, weil alles gut war, sondern weil sie viele
Schwierigkeiten überwinden musste. „Ich musste viel lernen und jeden Tag über meinen Schatten springen, was mir unglaublich viel für mein
jetziges Leben gebracht hat“, heißt es darin weiter. Ihre Eltern haben im Sommer letzten Jahres
eine gereifte und fröhliche Tochter in die Arme
geschlossen. Überglücklich, dass sie heil nach
Hause kam. Denn zu den Schwierigkeiten in Brasilien gehörte nicht nur das Zusammenleben auf
engstem Raum mit den drogensüchtigen Frauen,
sondern auch eine verschleppte Blinddarmentzündung mit einer Notoperation.
Es ist der 23. Dezember früh morgens. Simone
wohnt seit ihrer Rückkehr wieder bei ihren Eltern
und Geschwistern. Sie hat einen älteren Bruder
und eine jüngere Schwester. Ihre Mutter richtet
das Frühstück, Simone ist im Bad. Sie brauchte
nach ihrer Rückkehr nicht lange zu suchen, sondern hatte gleich eine Stelle im Jordanbad. Das
Telefon klingelt, Simone wird gebeten, früher zur
Arbeit zu kommen. Kein Problem, Simone, der
Wirbelwind, klagt nicht, sondern setzt sich ins
Auto und macht sich auf den Weg nach Biberach. Simone ist beschwingt, sie ist frisch verliebt.
Zwei Stunden später erhält Claudia Siewert, die
Mutter, einen Anruf aus dem Jordanbad, man
warte auf Simone. Claudia Siewert weiß: Es muss
was passiert sein und erhält Gewissheit als zwei
Polizisten vor der Tür stehen und ihr mitteilen,
dass ihre Tochter einen schweren Autounfall
hatte und mit dem Rettungshubschrauber nach
Ravensburg gebracht worden ist.
Es ist sowohl Schock als auch Hoffnung, was die
Eltern das Nötige tun lässt. „Mechanisch“ erledige man die Dinge, „der Kopf arbeitet langsamer“,
versucht Claudia Siewert das Unfassbare zu beschreiben. Simone liegt auf der Intensivstation,
macht auf die Eltern einen fast unverletzten
Eindruck, „fast so als ob sie nur schlafe“, erzählt
die Mutter. Der Schein trügt. Simones Gehirn
ist so stark geschädigt, dass es keine Hoffnung
mehr gibt. Aber „ein Wunder“ vielleicht, klammern sich die Eltern an den letzten Strohhalm.
Am Heiligen Abend weiß die Familie, „dass es nie
mehr so sein wird“, die Geschenke für Simone
bleiben unausgepackt. Am nächsten Tag stellen
die Ärzte den Gehirntod bei Simone fest. Simone
ist tot.
Doch bereits bei ihrer ersten Blutspende mit 18
Jahren hatte Simone einen Organspendepass
ausgefüllt. Die Eltern wussten davon, sie haben
beide selbst einen solchen. Sie brachten Simones
Einwilligungserklärung mit ins Krankenhaus. Die
Ärzte hätten sich erleichtert gezeigt, niemand
habe sie bedrängt, sie hätten in Ruhe von ihrer
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Tochter Abschied nehmen können und nun seien
sie in ihrem Unglück froh, „dass durch die Organspende von Simone fünf Menschen geholfen
werden konnte“, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation ihnen inzwischen mitgeteilt
habe. „Für uns fühlt es sich richtig an“, erklärt
das Ehepaar, „dass diese Menschen eine gute
Chance auf ein beschwerdefreies Leben haben“.
Trotzdem: Wie hält man einen solchen Schmerz
aus? „Wir haben uns vorgenommen: Wir fragen
nicht nach dem Warum“, sagt Claudia Siewert.
Simone hatte keine Schuld an ihrem tödlichen
Unfall, der Verursacher wurde nur leicht verletzt,
aber leidet psychisch schwer, wie das Ehepaar
weiß. „Es gibt eine höhere Macht. Ob es Gott
gibt, weiß ich nicht – der so viel Leid zulässt.“
Halt und Trost hätten sie vor allem von den
Schwestern im Kloster Sießen erfahren, wo sie
sich in ihrer Trauer „behütet“ fühlen. Dabei gehe
es nicht um Gott, sondern um Simone, „deren
positive Energie, die sie aus Brasilien mitbrachte,
haben wir in uns.“ Wolfgang Siewert, der Vater,
öffnete nach dem Unfall Simones Laptop, wo ihn
ein geöffnetes Dokument empfängt. Es ist Simones kurzer Abschlussbericht als „Missionarin auf
Zeit“, er endet mit einer Strophe aus Trude Herrs
(1927-1991) Chanson:
„Niemals geht man so ganz
irgendwas von mir bleibt hier
es hat seinen Platz immer bei dir.“
Die Eltern Wolfgang und Claudia Siewert an der Grabstelle ihrer Tochter. Simone liebte die Freiheit und mochte Friedhöfe nicht, weshalb die Eltern sich entschlossen, die Urne ihrer Tochter im
Friedwald in Meßkirch bestatten zu lassen am Fuße einer „unruhigen Buche“. Wohl behütet und
begleitet fühlen sich die Eltern in ihrer Trauer von den Schwestern des Franziskaner Klosters
Sießen, die auch die Beerdigung durchführten.
B ürger G enossenschaft
„Hilfe auf Gegenseitigkeit“
BIBERACH. Die Gründungsvorbereitungen für die Bürger Genossenschaft
Biberach, einer neuen, gemeinnützigen Sozialgenossenschaft, sind weitgehend abgeschlossen. Bevor es in Kürze zu der eigentlichen Gründung
kommt, laden die Initiatoren alle interessierten Bürger aus der Stadt
Biberach und dem nahen Umland zu zwei Informationsveranstaltung
ein: Dienstag, 17. März, und am Mittwoch, 25. März, jeweils um 19 Uhr
im Foyer des Biberacher Rathauses.
Die geplante Bürger Genossenschaft Biberach will als gemeinnützige, soziale Einrichtung möglichst viele Menschen aus der Stadt Biberach und dem
nahen Umland nach dem Prinzip der „Hilfe auf Gegenseitigkeit“ zusammenführen. Gesunde und Kranke, Starke und Schwache, Junge und Alte sollen
sich zusammenschließen und sich gegenseitig umeinander kümmern und
sich solidarisch unterstützen.
Es geht dabei in erster Linie um die Bewältigung alltäglicher Arbeiten,
Probleme und Sorgen, die Hilfesuchende ohne fremde Unterstützung und
Begleitung allein nicht mehr regeln können; die Angebote richten sich
dabei auch an Menschen mit Behinderung und schließen ausdrücklich
Demenzerkrankte mit ein.
Die Zahl dieser Menschen wird mit zunehmender Lebenserwartung und
zunehmendem Lebensalter immer größer. Die Bürger Genossenschaft will
dafür sorgen, dass die Betroffenen länger in ihrem vertrauten Haus und
ihrer gewohnten Umgebung leben können, auch wenn ihnen die Arbeit
im Haus und im Garten nicht mehr so leicht von der Hand geht. Sie sorgt
auch dafür, dass die Menschen nicht vereinsamen und mit Begleitung
noch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Sie hilft auch jungen Familien, Beruf und Familie zu vereinen. Darüber hinaus denkt sie an
all jene Menschen, die auf Unterstützung bei der Pflege von Behinderten
einschließlich Demenzerkrankter angewiesen sind. Nicht zuletzt sieht sie die
Alleinerziehenden, die die Doppelbelastung von Beruf und Kindererziehung
schultern müssen, ohne dass eine Großfamilie ihnen zur Seite steht.
Mit Hilfe der Bürger Genossenschaft werden die Betroffenen ihr Leben
wieder ein Stück selber in die Hand nehmen und viele Dinge wieder selber
gestalten können. Dazu braucht die Bürger Genossenschaft allerdings eine
Vielzahl von ehrenamtlichen Helfern, die bereit sind, ihre freie Zeit für ihre
bedürftigen Mitmenschen einzubringen. Die Bürgergenossenschaft glaubt
fest daran, dass sich genügend sozialverantwortliche Menschen motivieren
lassen, in den von ihnen geschaffenen Strukturen mitzuwirken. Dabei ist ihr
bewusst, dass sie verlässliches, qualifiziertes und nachhaltiges Engagement
nicht ausschließlich ehrenamtlich, also ohne Gegenleistung, erwartet kann.
Die Bürger Genossenschaft bietet deshalb die Möglichkeit, die eingesetzte
Zeit auf Zeitkonten gutzuschreiben und die Genossenschaft sorgt dafür,
dass die Berechtigten diese Guthaben auch noch nach Jahren abrufen können, um dann selber einmal die Hilfe anderer Genossenschaftsmitglieder in
Anspruch zu nehmen können, wenn sie selber auf Hilfe angewiesen sind. Auf
Wunsch können sich die Helfer allerdings als Zeichen der Anerkennung ihre
eingesetzte Zeit auch in Geld entlohnen lassen.
Die Bürger Genossenschaft glaubt, dass sie damit allen Helfern zusätzlich eine interessante Form der Altersvorsorge anbietet, die ihresgleichen sucht und mit der man in Einzelfällen eine mögliche Altersarmut
abmildern kann. Die genossenschaftliche Gemeinschaft wirkt dabei
wie eine große Familie, in der man sich gegenseitig unterstützt. Wenn
man zu der Familie gehören will, muss man Mitglied dieser Familie, der
Genossenschaft, werden. Im Klartext heißt das, dass man sich mit einem
Geschäftsanteil von 100 Euro an der Genossenschaft beteiligen muss.
Dieses Geschäftsguthaben, das man auch anteilig über mehrere Jahre
aufbauen kann, bleibt dem Mitglied erhalten.
In Höhe des Geschäftsanteils ist man Miteigentümer an der Genossenschaft
mit allen satzungsmäßigen Rechten, wie zum Beispiel dem Stimmrecht in
der Mitgliederversammlung oder dem Recht auf Inanspruchnahme aller
angebotenen Dienstleistungen. Darüber hinaus wird üblicherweise noch
ein Beitrag zur Deckung laufender Kosten erhoben, der zur Zeit je nach
Mitgliederstatus zwischen drei und vier Euro im Monat liegt.
Dafür verfolgt die Bürger Genossenschaft, so die Aussage der Initiatoren,
konsequent das Ziel - auch in Zeiten steigender Kosten und Preise - immer
bezahlbare Leistungen anzubieten.
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POWERFRAUEN
S ascha
M üller
„In andere Dimensionen“
ULM. Fliegen ist schön. Tanzen aber auch. Und wenn
die Compagnie Horizon durch die Lüfte tanzt, kann
man als Zuschauer vor lauter staunen auch mal neidisch werden . Die Vertical Dance Group feiert mit
ihrem neuen Projekt im Roxy Ulm Premiere. BLIX
durfte vorab bei einer Probe dabei sein. Und hing
dann prompt selbst in den Seilen.
„Escape from Flatland“, die Flucht aus dem Flächenland. Das ist der Titel des
neuen Projektes der Compagnie Horizon. Das Frauenpowertrio Yvonne Graf,
Kate und Marion Glöggler hat sich diesmal mit Tänzer Zyia Aktas auch männliche Verstärkung ins Boot geholt. Inspiriert von Edwin Abbotts Buch „Flatland“
wagt die Gruppe den Absprung vom Boden als zweidimensionale Fläche hinein
in die dritte Dimension. Sonst an Gebäudefassaden zuhause, treten die Höhenflieger der Compagnie nun im Roxy das erste mal in vier Wänden auf. Die
Tanzpädagoginnen und Körpertherapeutinnen aus Neu Ulm und Berlin tanzten schon an den Glasfronten des Parkhauses Deutschhaus und am 36 Meter
Foto links: Dem Sog der wirbelnden Körper kann sich kein Blick entziehen. Foto oben: Der Kern der Compagnie: Die Tänzerinnen Kate Glöggler
(l.), Marion Glöggler (m.) und Yvonne Graf (r.)
Fotos: Kirsch
hohen Metzgerturm in Ulm entlang. Mit dem Wechsel ins ROXY stellt sich die
Gruppe der Herausforderung eines rundum begrenzten Raumes. Denn je Höher das Gerüst, umso mehr Möglichkeiten haben die Tänzer für gewöhnlich.
In der 4,5 Meter hohen Halle entwickelten die Vier eine einzigartige Choreografie, die räumlichen Verhältnisse dabei stets im Blick. Vom Contemporary
Dance und Hip Hop bis zum Urban Dance und Ballet verbindet die Gruppe ihre
persönlichen Stile mit den Möglichkeiten des Vertical Dance.
Mal springen sie, mal hängen sie, mal schweben sie. Ob schnell wirbelnd oder
langsam drehend, aufrecht oder über Kopf , am Boden oder in der Luft, die
Compagnie Horizon spielt mit Raum und Technik. Mittels Seilkonstruktionen
aus der Film- und Stunttechnik zeigt die Tanzgruppe Bewegungen und Formen einer anderen Dimension. Die gut abgestimmte Musik, mal sanft, mal
temporeicher, ist eigens für das Projekt zusammengestellt. Zusammen mit der
Licht- und Projektionstechnik wird eine illusorische Atmosphäre geschaffen,
die einen nicht mehr los lässt. Am liebsten würde man selber mal ans Seil.
Gesagt, getan. Unsere Mediendesignerin Jacqueline Kirsch ließ es sich bei der
Gelegenheit nicht nehmen, nach der Probe selbst einmal abzuheben. Welche
Kräfte dabei wirken und wie eingeschränkt die Bewegungsmöglichkeiten sind,
konnte sie am eigenen Leib spüren. Die so leicht anmutenden Bewegungen
erwiesen sich dabei als wesentlich kraftraubender als zuvor erwartet. „Wir
kommen nicht aus der Artistik, wir haben als Künstler kein Vorwissen auf dem
Gebiet. Wir experimentieren und setzen uns intensiv mit der Technik auseinander.“, erklärt Marion Glögger während sie Jacqueline Kirsch bei ihren Flugversuchen unterstützt. Der Respekt vor der Höhe geht trotz all dem Spaß nie
ganz verloren. Beim Wechsel von Seil zu Seil,verrät Glögger, hängt sie ihre
Karabiner stets in der gleichen Reihenfolge ein. Eine Routine, die sich in all den
Trainingseinheiten gebildet hat. Jede freie Minute nutzten die vier für Proben
und opferten Wochenende um Wochenende zum üben und experimentieren.
Jede Probe wurde dabei aufgenommen, um selbst zu sehen wie einzelne Bewegungen am Seil auf den Zuschauer wirken. Was dabei herausgekommen
ist, kann sich sehen lassen.
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